20090520

24.Tag (Dienstag 19.Mai) - von Camplengo nach Cobreces - 16 km

Nur 3 km entfrent von Complengo befindet sich die mittelalterliche Stadt Santillana del Mar, die auch als das spanische "Rothenburg ob der Tauber" bezeichnet wird. Dieser Eindruck hat sich schon am Ortseingang eindrucksvoll bestaetigt.


Ortseingang von Santillana del Mar













Als wie wenn die Zeit stehen geblieben ware, wirkten die alten Gemaeuer und Gassen auf mich, wenn da nicht die vielen Autos und vor allem der Baulaerm gewesen ware, denn es wird an allen Ecken und Ecken saniert, renoviert und instandgesetzt.


Daecher von Santillana del Mar













Besonders beeindruckend war die Stiftskirche Santa Juliana mit ihrem schoenen romanischen Kreuzgang, um die sich Stadt einst entwickelt hatte.


In der Stiftskirche Santa Juliana














Nachdem ich die Stadt verlassen hatte, fuehrte mich mein Weg ueber meist kleine Landstrassen in Ciguenza vorbei an alten verlassenen Adelspalaesten, an Kuh-, Schaf- und Pferdeweiden, vorbei an herrlichen auf Huegeln freistehenden Kirchen schliesslich nach Cobreces, schon von weitem war neben der dominierenden Kirche auch das Zisterziensterkloster zu sehen, wo ich die Nacht verbringen sollte.


Blick auf Cobreces mit Kirche und Zisterzienserkloster













Dort angekommen, standen schon die beiden Kalifornier, sowie Hans-Ruedi aus Sursee in der Schweiz (den ich zum ersten mal in Guemes kennengelernt hatte; er hatte sich gewundert, dass ich Sursee und besonders jemanden von dort kenne) vor der Tuer, aber die Klostertuer blieb auch nach mehrmaligem Klingeln verschlossen. Nachdem die anderen beschlossen hatten, zum naechsten Ort weiterzugehen - es war ja noch frueher Nachmittag - suchte ich zur zeitlichen Ueberbrueckung das nahgelegene Restaurant auf. Dort traf ich auf Anna und Rosa, die beiden Spanierinnen aus Sevilla, die ich erstmals in Santoña kennengelernt hatte. Ich bat sie, im Kloster anzurufen, in dem Wanderfuehrer war eine Nummer angegeben. Die Aktion hatte Erfolg: Kurz nachdem auch Guenther vor dem Kloster eingetroffen war oeffnete ein Moench die Pforte und wir konnten das separate Gaestehaus des Klosters beziehen. Dort wurden wir nochmals sehr herzlich begruesst.


Abendvesper im Kloster Cobreces













An der Abendvesper, von den Moenchen gesungen, konnten wir teilnehmen. Fuer mich sind dies immer sehr nachwirkende Erlebnisse, denn hierdurch wird der Jakobsweg fuer mich authentisch.


23.Tag (Montag 18.Mai) - von Santander nach Camplengo - 36 km

Auch solche Wege wie heute gehoeren mit dazu. Damit ist eigentlich schon alles gesagt: Wege sind nicht immer schoen zu gehen, solche Passagen lassen einen aber wieder hoffen, dass der Weg besser wird und somit machen auch solche Passagen den Jakobsweg zu dem was er in den Augen vieler Menschen ist, die ihn bisher gegangen sind: Ein Spiegelbild des wirklichen Lebens. Wie koennten wir uns ueber die Schoenheiten des Lebens richtig von Herzen freuen, wenn wir nicht auch die Schattenseiten kennengelernt haben. Eben diese Wechsel machen daher auch den besonderen Reiz des Jakobswegs aus.

Heute war der Weg nicht physisch anstrengend zu gehen, im Gegenteil, es ging flott voran, dies allerdings in einer Umgebung, die heraus aus der Grossstadt, durch schmuddelige Vororte und zersiedelte Stadtrand-Landschaften fuehrte. In Santander wollte ich ja noch ein paar Besorgungen erledigen: Geld abheben, Obst und Muesli-Riegel besorgen sowie Duschgel, das mir inzwischen ausgegangen war. In der Bank, in der ich das Geld abhob, haette ich beinahe wieder meine beiden Stoecke stehen lassen. In einem Vorort kam dann an einem kleinen Tante-Emmaladen vorbei, in dem ich mein Proviant bekam (die "Emma" uebrigens war super nett und freute sich mit mir, als ich die 2 Orangen und 2 Bananen gerade so im Rucksack verstauen konnte). Fehlte mir also noch das Duschgel. Als ich an einer Farmazia (Apotheke) vorbei kam, ging ich spontan hinein, um nach einer kleinen Packung Duschgel zu fragen (wuerde man zuhause bestimmt nie auf die Idee kommen). Die nette Apothekerin fragte mich gleich, wo ich meinen Pilgerweg begonnen haette und wo ich ueberall war, und brachte mir dann gratis zwei Probeflaeschchen Badegel, also genau das, was ich brauchte. Sie erzaehlte mir noch, dass sie selber schon nach Santiago gepilgert ist und dass der Camino Primitivo, den ich noch vor mir habe, wunderschoen sein soll.

Der Weg ueber eine an sich fuer Fussganger gesperrte Eisenbahnbruecke brachte eine Abkuerzung von 7 km, deshalb wird diese von vielen Anwohnern und Pilgern empfohlen. Ausgerechnet als ich mitten auf der Bruecke war (und dann auch noch auf meiner Seite!) kuendigte sich ein Zug von hinten durch mehrmaliges lautes Pfeifen an. Ich drueckte mich links an einen Pfeiler und sah nur noch, wie der Zug an mir vorbeischoss.


Abkuerzung ueber Eisenbahnbruecke













An einer schoenen Wegstelle an einem Bach, an der ich meine Mittagspause machte, holte mich Alfred aus Salzburg ein und wies mich darauf hin, dass es in den naechsten Tagen ein Problem geben koennte, da die Bruecke zwischen Comillas und San Vincente de la Barquera wahrscheinlich gesperrt sein wird, so dass sich dann ein Umweg von ca. 30 km ergeben wuerde - eine wichtige Information.


Weg in der Naehe von Polanco













In der Folge des Weges kam ich dann durch Polanco, ging ewig neben Rohrleitungen her und passierte dann die weitlaeufigen Produktionsanlagen des internationalen Industriegiganten Solvay.


Iris beim Abstempeln des Pilgerpasses
Als ich den Ort Viveda wieder verlassen hatte wurde der Weg zunehmend schoener und ich naeherte mich dem Ort Camplengo, wo ich mir die Pilgergerberge Arco Iris als Tagesziel ausgesucht hatte (von Polanco als urspruenglichem Ziel hatte ich Abstand genommen, da ich aus dieser Industrie-Umgebung so schnell wie moeglich wieder weg wollte). Camplengo ist sehr schoen und idyllisch gelegen und allein aus diesem Grund hat sich der weitere Weg unbedingt gelohnt. Aber auch aus einem anderen Grund: Iris hat fuer uns alle toll gekocht und die Atmosphaere war sehr herzlich und familiaer. Neben Alfons, der mich unterwegs ueberholt hatte, gab es ein Wiedersehen mit den drei Pilgern Max, Georg und Willy aus Deutschland. Ausserdem waren da noch ein Paar aus Kalifornien sowie Andre aus Muenster, der mit dem Fahrrad unterwegs war. Gewoehnungsbeduerftig aber auch witzig waren die sanitaeren Einrichtungen: es gab einen laenglichen Raum, in dem 3 Duschen und 3 WCs untergebracht waren, lediglich getrennt durch Vorhaenge. Die Spuelkaesten hatte Iris liebevoll mit Kunstblumen verschoenert.


Spuelkaesten in der Herberge von Iris

20090517

22.Tag (Sonntag 17.Mai) - von Guemes nach Santander - 16 km

Um halb neun hiess es Abschied nehmen von Pater Ernesto und seiner Herberge. Ich folgte seiner Empfehlung vom Vorabend und waehlte fuer den Weg nach Santander die Variante an der Kueste, die zwar einen kleinen Umweg bedeutete, dafuer landschaftlich einmalig schoen sein sollte. Pater Ernesto hatte nicht zuviel versprochen: Es war wirklich ein grandioser Weg und manchmal auch schon ein etwas mulmiges Gefuehl, so nah an der Abbruchkante auf einem schmalen Grasweg zu gehen.

Am Kuestenweg zwischen Guemes und Santander













Ich kam vorbei an kleinen Bauernhoefen und an einsamen Buchten, in denen nur einige Wellenreiter ihrem Hobby nachgingen. Bald eroeffnete sich ein wunderschoenes Panorama auf Santander, bevor mich mein Weg ueber den breiten Sandstrand von Somo fuehrte.


Am Sandstrand von Somo












Vorher hatte ich eine kleine Pause eingelegt, um das bunte Treiben am Strand auf mich wirken zu lassen und mich mit meinem letzten Muesliriegel, den ich noch im Rucksack fand, zu staerken. Dann ging ich barfuss den kilometerlangen Strand entlang, um zur Faehre nach Santander zu gelangen, die stuendlich verkehrt. Ich hatte Glueck, denn die Faehre kam gerade an. In Santander angekommen, suchte ich die Herberge auf, wo mir der Hospitalero beim Empfang gleich mitteilte, ein anderer Deutscher sei auch schon da: Guenther war also auch hier angekommen und nicht, so wie er es urspruenglich vorgesehen hatte, in einer Pension zwischen Santander und Polanco abgestiegen. Da die aesserst saubere Herberge neben Internet (hier sitze ich gerade am Rechner) auch ueber eine Waschmaschine verfuegt, haben wir uns natuerlich gleich zusammengetan um eine Maschine zu waschen - was inzwischen ziemlich notwendig geworden war ...

21.Tag (Samstag 16.Mai) - von Santoña nach Guemes - 30 km

Fuer diesen Tag hatte ich mir vorgenommen, einen Umweg ueber die Steilkueste noerdlich von Santoña zu nehmen.


Maria mit Jesuskind hoch ueber Santoña














Nach einem spaeten Fruehstueck, das in der Jugendherberge erst ab halb neun gab (das man mit der Lupe suchen musste) machte ich mich auf den Weg. Noerdlich der Anlegestelle der Faehre musste dieser Weg beginnen. Also stieg ich dort, wo die Uferpromenade nicht mehr weiter ging, so wie es im Wanderfuehrer beschrieben war, die Stufen hoch und kam zu einer riesigen Skulptur einer Madonna mit Jesuskind, der Patronin von Santoña.

Von dort kam ich weiter zu den Ruinen einer mittelalterlichen Festung, und ab dort weiter auf einen kleinen Pfad, aehnlich wie er im Wanderfuehrer beschrieben war. Leider wurde dieser schmaler und schmaler, unter mir taten sich tiefe Abgruende auf, jedoch mit tollen Ausblicken auf kristallklares und smaragtgruenes Wasser. Hmm, aber das konnte der richtige Weg auf keinen Fall sein, denn schliesslich verlor sich der Pfad im Nichts und es war kein Weiterkommen mehr. Also drehte ich schliesslich wieder um. An der Festung traf ich endlich jemanden, den ich nach dem Weg fragen konnte. Netterweise hat mich dieser sogar mit seinem Auto ein Stueck mitgenommen bis an die Stelle, an welcher der richtige Weg begann.

Leider verliefen weite Teile dieses Weges inmitten dichten Bewuchses, so dass der ersehnte Ausblick auf die Steilkueste nur an bestimmten exponierten Stellen moeglich war, so dass ich diesen Umweg nicht unbedingt empfehlen kann. Ein kleiner Abstecher zum Leuchtturm El Caballo sollte laut Wanderfuehrer den Blick freigeben auf bizarre Felsnadeln und und sehr klares Wasser. Hierzu waeren allerdings rund 700 unregelmaessige und verwitterte Stufen zu bewaeltigen gewesen. Nach 125 Stufen ueberlegte ich mir nochmal das ganze und machte wieder kehrt. Lohnenswert war schliesslich der Blick auf den Strand von Berria. Beim Abstieg bot sich dann die seltene Gelegenheit, in einen Gefaengnis-Innenhof von oben sehen zu koennen.


Blick auf den Strand von Berria














Ab Noja mit seiner fantastischen Bucht fuehrte mich der Weg dann wieder in das Landesinnere, um ueber Isla und Arnuero und Bareyo zu meinem naechsten Etappenziel, nach Guemes zu kommen. Immer wieder wollte es anfangen zu regnen, um sich dann schliesslich immer mehr einzunieseln, was mit einem oefteren "Aus" und "An" der Regenbekleidung einherging.


Nieselwetter auf dem Weg nach Guemes














Ab Bayero waren auf einmal die Strassenraender mit zahlreichen Autos zugeparkt, Fotografen liefen mit ueberlangen Objektiven herum, Polizei hatte die Strasse abgesperrt und liess niemanden durch. Ich fragte einen Polizisten, wie ich denn nach Guemes kaeme. Er bedeutete mir, ich solle mich an den Zuschauerreihen hinten vorbeidruecken. Na gut... In diesem Moment verstaerkte sich der Regen und nach einem Ralleywagen, der mit lautem Getoese vorbeigerasr war, kehrte auf einmal Ruhe auf der Strasse ein. Es war eine eigentuemliche Stimmung, die Leute standen da und warteten, waehrend ich in aller Seelen Ruhe sozusagen als "pilgernder Ralleyteilnehmer" die Strasse entlangging, einmal sogar Applaus von den Zuschauerreihen inbegriffen. Langsam leerten sich die Strassenraender, die Zuschauer packten nach und nach ihre Sachen und gingen wieder. Ich nehme an, das Rennen war abgesagt worden.

So kam ich schliesslich doch noch ueber die freie Strasse rechtzeitig zur Herberge von Pater Ernesto in Guemes, der selbst Pilger ist, und dessen Gastfreundschaft sich unter den Pilgern schon weit herumgesprochen hat. Pater Ernesto erlaeuterte uns seine Arbeiten und zeigte uns seine Arbeitsraeume und das Archiv, das thematisch neben Literatur zu den Jakobswegen auch umfangreiches Material ueber seine Weltreisen als Missionar (hierbei u.a. 80.000 Fotos) beinhaltet. Dieses Dokumentationsmaterial wird zur Zeit in Zusamenarbeit mit der Universitaet Santander digitalisiert und archiviert. Interessant waren auch die Aussagen von Pater Ernesto zu den Eukalyptusplantagen in der Region, die hier seit Jahrzehnten zum Zweck der Papierproduktion angepflanzt werden, aber aus oekologischer Sicht aeusserst bedenklich sind und einer naturnahen Waldbewirtschaftung kontraer entgegenstehen. Frueher war hier ein Mischbestand aus Eichen, Kastanien, Ahorn und Oliven domierend.

Nach einem gemuetlichen Abendessen (bei Musik von Josef Haydn), das wir alle in entspannter und in guter Atmosphaere an einem grossen Tisch zusammen eingenommen haben, gingen wir ins Bett, um die Eindruecke des Tages zu verarbeiten.

20.Tag (Freitag 15.Mai) - von El Pontarron del Guriezo nach Santoña - 27 km

Die ganze Nacht hatte es geregnet. Die Franzosen hatten wie schon am Tag zuvor als erste die Herberge verlassen. Dass Guenther und ich recht spaet dran waren hatte den grossen Vorteil, dass der Regen bald nachliess, so dass wir hierdurch dem schlimmsten Wetter fast sprichwoertlich aus dem Weg gegangen waren. Wir gingen in die gleiche Richtung, in die Guenther die Franzosen noch gehen sah, verpassten aber irgendwie den richtigen Abzweig auf den regulaeren Jakobsweg, so dass wir fast die Haelfte der heutigen Tagestour an der Strasse entlang gehen mussten. Irgendwo vor Colindres fanden wir dann gottseidank doch noch den "gelben Pfeil" und unser Weg fuehrte uns durch eine huegelige Landschaft, die uns in Verbindung mit der Siedlungsstruktur und dem Baustil stark an das Allgaeu erinnerte. Aber besonders den letzten Abschnitt des Weges habe ich in sehr schoener Erinnerung, uns bot sich ein interessanter Blick auf Colindres, denn hier ragt die Bebauung auf einer Sandbank - aehnlich einem Haff - mitten in die Bucht hinaus, welche die beiden Staedte Colindres und Santoña trennt.


Blick auf Colindres














Als wir dann dort am Sandstrand bis zur Faehre gingen, die uns nach Santoña uebersetzte, kamen uns mehrere Reiter entgegen. Die Wurzeln der Baeume am Rand des Sandstrands waren vom Wind freigeweht und bildeten bizarre Formen.


Pilger am Strand von Colindres








Die Faehre setzte uns in wenigen Minuten fuer ein paar Euro ueber nach Santoña. Als sie dort angelegt hatte, kuemmerte sich der Faehrmann gleich um seine beiden Angeln, die dort neben der im Wasser (mit oder ohne Fisch) auf ihn warteten.


Faehrmann von Santoña beim Angeln

20090515

19.Tag (Donnerstag 14.Mai) - von Pobeña nach El Pontarron del Guriezo - 25 km

Ab halb sechs war in der Herberge schon munteres Treiben, ausgerechnet die Franzosen, denen ich eigentlich etwas mehr "laissez faire" zugerechnet haette, waren am fruehesten auf den Beinen, um ihre Rucksaecke zu packen und sich fuer den Aufbruch zu wappnen.


Geschaeftiges Treiben um halb sechs













Da war's dann wohl vorbei mit dem Schlafen und auch ich machte mich fertig. Gegen 8 Uhr verliess ich die Herberge nach einem Fruehstueck mit "Cafè con leche" der besonderen Art, wie ich ihn bislang noch nicht kannte: Hierbei wird Nescafè in einem Glas heisser Milch aufgeloest, die zuvor in der Mikrowelle erhitzt worden war.

Leider war das Wetter an diesem Tag nicht sehr guenstig, es regnete zeitweise leicht, ausserdem blies mir ein starker Gegenwind ins Gesicht. Die Strecke an der Kueste entlang fuehrte zunaechst an einem Panoramaweg entlang, der als heimatkundlicher Lehrpfad eingerichtet ist. Besonders schoen wurde der Weg vor den Toren der Stadt Castro Urdiales, wo er ueber den Klippen auf bluehenden Wiesen entlang fuehrte. Castro Urdiales beeindruckte mich durch seine Uferpromenade sowie den malerischen Hafen mit Blick auf das Kastell mit Kirche, die beide das Stadtbild zur Kueste hin markant abschliessen.


Castro Urdiales













Der Weg ab Castro Urdiales fuehrte meist an der Strasse entlang, die ich bei Cerdigo mehrfach auf parallelen Feldwegen zu meiden versuchte. Leider 2 mal ohne Erfolg, denn die Wege endeten vor jeweils vor Privatgrundstuecken, so dass ich diese wieder retour gehen musste, um auf die Strasse zu kommen. Einmal stand ich vor einem wunderschoenen Garten, bei dem der hier anstehende Fels und die verschiedenen Bepflanzungen so perfekt aufeinander abgestimmt waren, dass es eine wahre Freude war alles zu betrachten. Beinahe waere ich durch das Tor in der Garten gegangen, denn da stand kein "Privat-Schild" und das Tor war nicht abgeschlossen. Nur die Angst, ein scharfer Hund - wie sie hier zu fast jedem Grundstueck gehoeren - koenne mir gleich entgegengelaufen kommen, hielt mich davon ab.


Vorbei an Ziegen zur Steilkueste













Erleichtert fand ich gleich hinter Cerdigo wieder den "gelben Pfeil" zum richtigen Camino. Die markierte Strecke fuehrte mich ueber einen vertraeumten Weg vorbei an Ziegen und riesigen Farn an eine Stelle der Steilkueste, von der man einen tollen Panoramablick ueber den Atlantik hatte.


An der Steilkueste
Dann kam ich durch Islares, wo der moderne Reihenhaus-Bau ein paar besondere Auswuechse hervorgebracht hat (siehe Foto im Menue rechts). Ueberall in dieser Region blueht der Wohnungsbau. Allerdings sind sehr viele dieser in den letzten Jahren fertiggestellten Wohnungen und Haeuser leerstehend.
Um 16 Uhr kam ich an einem Campingplatz mit Restaurant vorbei und freute mich auf einen Milchkaffee. Die Besitzerin, die gerade vor meiner Ankunft abgeschlossen hatte, schloss, als sie mich auf die Tuer zukommen sah, extra wieder auf - zur Freude des Kellners, der eigentlich schon Feierabend machen wollte.









Gegen 17 Uhr traf ich schliesslich in El Pontarron del Guriezo ein, wo ich in der einfachen Pilgerherberge (14 Betten in einem Raum, die in der folgenden Nacht noch bis zum letzten Bett belegt waren) wieder die Franzosen traf sowie Guenther aus Frankfurt. In der nahegelegenen Bar gab es ein gemeinsames Abendessen und wir unterhielten wir uns ueber den "Camino", Guenther berichtete mir von seinen Erfahrungen und interessantem Erlebnissen. Er ist das 5. Mal auf den Jakobswegen in Spanien unterwegs und moechte diese Jakobsweg-Erfahrungen mit dem diesjaehrigen Kuestenweg, den er ab Bilbao begonnen hat, abschliessen.


Zwischen Islares und El Pontarron del Guriezo

18.Tag (Mittwoch 13.Mai) - von Bilbao nach Pobeña - 35 km

Morgens um drei ist etwas Witziges passiert. Ich muss wohl mit dem Fuss gegen den unverriegelten mp3-player gekommen sein, den ich bei mir im Schlafsack hatte. Jedenfalls spielte dieser auf einmal eines meiner Lieblingsstuecke, von Camiel ("Take me to that place, where I've been never been before..."), so dass ich tatsaechlich glaubte, die Jugendherberge wuerde mit diesem passenden Stueck ihre Gaeste wecken. Erst als sich dieses Lied wiederholte wurde ich stutzig und bemerkte meinen Irrtum.

Pablo aus Hamburg, der am Morgen ueber starke Schmerzen am Knie klagte, suchte noch am gleichen Tag in Bilbao einen Arzt auf, so dass ich meinen weiteren Weg allein fortsetzte. Entgegen der Beschreibung in meinem Wanderfuehrer bin ich ueber die Berge bis nach Portugalete gegangen - hierdurch konnte ich vermeiden, direkt durch die Industrievororte Bilbaos zu gehen und ich konnte diese traurigen Zeugen des industriellen Verfalls aus der Entfernung betrachten. Hierbei kam ich auch durch moderne Gewerbegebiete sowie schaebige Arbeiterwohngebiete, die miteinander in starkem Kontrast standen. Der hier sichtbare Strukturwandel erinnerte mich stark an die Situation besonders in den Randgebieten ostdeutscher Industriestaedte.
Beeindruckend war der Blick auf die Bizkala-Bruecke, eine Haengebruecke aus dem Ende des 19.Jh., die noch heute in Betrieb ist.





Blick auf die Bizlaka-Bruecke





















Je mehr ich mich Portugalete naeherte, desto ansprechender wurde die Umgebung und besonders an der Uferpromenade war es mit dem beklemmenden Gefuehl, das mit dem Dreck und Verfall der Vororte Bilbaos einherging, endgueltig vorbei. Eine frische Brise vom Atlantik zog auf und liess mich auf den weiteren Weg an der Kueste freuen.
Doch mit dieser Vorfreude war es bald wieder vorbei, denn um zu meinem naechsten Etappenziel Pobeña kommen zu koennen, musste ich die Kueste verlassen und mich quer durch Portugalete nach dem "Camino a Santiago" durchfragen. Am Ende der Stadt angekommen, erklaerte mit ein netter aelterer Herr den weiteren Weg ausfuehlich auf Spanisch. Auch als ich ihm zu erkennen gegeben hatte, dass ich ihm nicht folgen koenne, liess er in seinem Eifer nicht nach, so dass ich den Absprung mit "muchos gracias" nur mit grosser Muehe schaffte. Anschliessend fragte ich eine junge Mutter. Sie sprach Englisch, was die Sache wesentlich vereinfachte. In diesem Moment kam allerdings auch der aeltere Herr wieder hinzu, was zum Ergebnis hatte, dass sich nun beide lang und breit auf Spanisch darueber unterhielten, welcher Weg nun der Richtige sei. Mein Weg fuehrte mich dann an zahlreichen Baustellen vorbei hin zu einem roten Radweg, der sich quer ueber das Land in Richtung zu meinem Zielort schlaengelte. Das Problem war nur, dass dieser Weg durch den massiven Strassenbau in dieser Region mehrfach unterbrochen war und die Wegfuehrung dadurch nur sehr schwer zu finden war. Aber die Spanier, die ich fragte. waren alle sehr hilfsbereit, oft boten sie auch von sich aus ihre Hilfe an, wenn sie merkten, dass ich den "Camino" suchte.

Nachdem ich den Strassenbau-Laerm hinter mich gelassen hatte, wurde der Weg zunehmend schoener. Auch hier musste es sich um eine ehemalige Eisenbahnstrecke handeln, so schwungvoll und mit gleichmaessiger Steigung war dieser rot-schwarze Weg in die Landschaft eingebunden. Fussgaenger und vor allem Radfahrer waren unterwegs und es war eine Freude zuzusehen, mit wieviel Spass die Radfahrer auf dieser geschwungenen Strecke unterwegs waren.



zwischen Portugalete und Pobeña


















In diesem Moment wuenschte ich mir natuerlich auch, nur mit einem Rennrad und ohne Gepaeck unterwegs zu sein. An den zahlreichen Rastplaetzen mit Grillmoeglichkeit sassen ganze Familien oder Gruppen von zumeist aelteren Leute, die sich zum Picknick oder Kartenspielen trafen, lachten und den herrlichen Sonnentag genossen.


Endlich kam ich wieder an der Kueste an und ueber einen wunderschoenen Sandstrand gelangte ich nach Pobeña, wo sich eine einfache, aber recht neue Pilgerherberge befand, die gut besucht war. Von meinen ehemaligen Weggefaehrten war niemand da, dafuer viele Franzosen, Neuseelaender, Spanier und ein Deutscher - Guenther, ein 65-jaehriger Frankfurter, mit dem ich - gemeinsam mit einem Spanier - den Abend bei einem hervorragenden Menue und einer Flasche Rotwein ausklingen liess.

20090513

17.Tag (Dienstag 12.Mai) Bilbao

Heute ist wieder mal ein wanderfreier Tag, denn die Metropole Bilbao mit mehr als 1 Mio. Einwohnern lohnt mit ihren Sehenswuerdigkeiten auf jeden Fall einen kleinen Aufenthalt. Da Anna und Kai ohne Pause weiterpilgerten, blieb ich mit Pablo noch einen Tag. Einen halben Tag verbrachten wir allein im spektakulaeren Guggenheim-Museum, das als eines der modersten Gebaeude der Welt vom amerikanischen Architekten Frank Gehry entwurfen wurde und seit 1997 moderne Kunst von Weltrang beherbert.


Guggenheim-Museum













Anschliessend machten wir einen Spaziergang am Fluss Nervion, vorbei an den wichtigsten Sehenswuerdigkeiten der Stadt. Besonders in Erinnerung wird mir auch der Besuch der schlicht gehaltenen Santiago-Kathedrale bleiben, in deren Inneren leise Meditationsmusik erklang, als Pol der Ruhe und Besinnung im grossstaedtischen Treiben von Bilbao.


In der Santiago-Kathedrale













Beim anschliessernden Schlendern durch die Altstadt fanden wir noch ein urgemuetliches Restaurant, in dem es ein hervorragendes Essen gab.


In der Altstadt von Bilbao - Metropolole der Basken

20090512

16.Tag (Montag 11.Mai) - von Gernika nach Bilbao - 34 km

Gegen halb acht verliess ich die Herberge in Gernika, um mich bei einem nahegelegenen Baecker bei gutem Milchkaffee und getoastetem Weissbrot mit Marmelade fuer den weiteren Weg zu staerken. Fast war ich mit dem Fruehstueck fertig, kam Anna herein und setzte sich zu mir. Da wir beide nicht genau wussten, wie der Jakobsweg am Ortsausgang von Gernika zu finden war, taten wir uns zusammen und fanden nach einigen Befragungen von Passanten bald den richtigen Weg. Das witzige war, dass uns ein sehr geschaeftiger und wichtiger Herr mit unter den Arm geklemmten Akten den Weg zuerst genauestens erklaerte, uns ein Stueck begleitete um dann spaeter aber immer wieder dritte zu fragen, wie der Weg denn wirklich weitergehe. Aufgrund der Strapazen auf schmalen und nassen Pfaden erschien es mir heute als sehr angenehm, auf breiteren Schotterpisten mit angenehmen Steigungen gehen zu koennen. So waren leicht Kilometer zu schaffen.


Eukalyptusbaeume zwischen Gernika und Bilbao













Auf dem Weg kamen wir an einem Pilger vorbei, der muede am Wegrand sass und uns zuwinkte. Bad darauf sah ich vor uns ein bekanntes Gesicht. Kai, der gestern nicht wie wir in Gernika uebernachtet hatte, sondern weiter bis zu einer Herberge auf der Anhoehe von Morga wanderte, war vor uns und ab da wanderten wir zu dritt, spaeter zu viert weiter, denn Pablo, der Pilger der uns vom Weg zugewinkt hatte, schloss bei einer Pause zu uns auf.


Landschaft zwischen Gernika und Bilbao













So erreichten wir schliesslich zu viert unser Ziel Bilbao, ueber das gerade ein kraeftiges Gewitter eingebrochen war. Nach einigem Suchen fanden wir Dank der Spanisch-Kenntnisse von Anna doch noch den Weg zur Jugendherberge, die modern und bestens ausgestattet ist. Aus dem Fenster hatten wir einen herrlichen Blick auf die Stadt.

15.Tag (Sonntag 10.Mai) - von Cenaruzza nach Gernika - 18 km

Nach einem Fruehstueck, die Moenche hatten in einem Korb Kaffee sowie Weissbrot mit Marmelade auf unser Zimmer gebracht, verliess ich gegen halb neun die Klosterherberge.


Abschied vom Kloster Cenaruzza













Da sich das Wetter nicht schluessig war, ob es weiterregnen solle oder nicht, hatte ich mir zunaechst mein Regenzeug angezogen, ging dann aber nochmal zur Herberge zurueck, um es doch wieder auszuziehen, da es zwischenzeitlich aufklarte. Der Obdachlose aus Pamplona bat mich die Tuer zur Herberge angelehnt zu lassen, um nicht ausgeschlossen zu werden. Als ich dann endgueltig wieder auf dem Weg war, merkte ich bald, dass ich es heute wohl mit der schwierigsten Etappe meines bisherigen Weges zu tun haben sollte, denn durch den starken Regen waren die lehmigen Pfade so stark aufgeweicht, dass man zum Teil tatsaechlich nicht mehr weiter wusste. Da der Weg hauptsaechlich inmitten von Waeldern verlief, kaum Ausblicke zuliess und zu allem Ueberfluss noch enorme Steigungen aufwies, war der heutige Tag tatsaechlich ein Haertetest.


schwierige Wegverhaeltnisse













Hier war jeder Kilometer hart erkaempft. Einmal bin ich so ungluecklich ausgeschlittert, dass ich mich flach hingelegt habe, hierbei hatte ich die Haende noch in den Schlaufen der Stoecke. Bei noch ungluecklicheren Umstaenden haette ich mir hierbei leicht den kleinen Finger meiner linken Hand brechen koennen. Aus dieser Lektion habe ich gelernt, dass man bei solch schwierigen Wegsituationen grundsaetzlich die Haende aus den Schlaufen der Stoecke nehmen sollte.

Gegen 12 Uhr legte ich an einer bemoosten Waldlichtung meine Mittagspause ein (1 Orange, 1 Muesliriegel, 3 Butterkekse, Wasser), da hoerte ich Stimmen. Es waren tatsaechlich Majo, Anna, Marco, Jose und Kai, die da kamen. Sie waren einen letzten Abschnitt des Weges auf einer Strasse gegangen um die glitschigen Lehmpfade zu meiden.


Zwischen Cenaruzza und Gernika













So legten wir den weiteren Weg - der zunehmend besser wurde, durch schoene Doerfer und vorbei an schmucken Landhaeusern fuehrte - zusammen zurueck bis Gernika, wo wir die Nacht in einer ordentlichen Herberge verbrachten, deren Tuer sich nur mit einem Zahlencode oeffnen liess. Neben den Gaesten war kein Personal in der Herberge anwesend.

14.Tag (Samstag 9.Mai) - von Deba nach Cenaruzza - 28 km

Ein Tag unterwegs bei anfangs schoenem Sonnenschein auf allerdings noch feuchten Wegen, die das Gehen zum Teil erschwerten. Dieser Weg fuehrte mich von der Kueste wieder mehr ins Landesinnere, bot jedoch zum Teil sehr schoene Ausblicke auf Kuestenstaedte und fuehrte wie schon Tags zuvor ueber Schafkoppeln, vorbei an Mutterkuhherden oder Pferdeweiden.


Ankunft in Markina-Xemein













Am s
paeten Nachmittag erreichte ich Markina-Xemein mit seiner interessanten Kirche San Miguel de Aretxinaga. Diese wurde um drei gigantische natuerliche Felsbloecke herum gebaut, die den Altar bilden. Dieser megalithische Altar stammt aus dem Hochmittelalter, die Kirche selbst wirkt von aussen recht unscheinbar.

Altar der Kirche San Miguel
In der Hoffnung, dass es zum naechsten Etappenziel, zum Kloster Cenaruzza, nicht mehr weit sei, erkundigte ich mich am Supermarkt nach dem weiteren Weg, in dem ich mich auch mit Proviant eindeckte. Die von den Einheimischen gemachten Entfernungsangaben schwankten zwischen 5 und 6 km. Na das ist ja noch locker zu schaffen. Aber der Rest des Weges hatte es wieder mal in sich. Im naechsten Ort ueberraschte mich ein Gewitter mit wolkenbruchartigem Platzregen, so dass ich mich gerade noch in eine der typischen Bars retten konnte, vor der ich gerade stand. Es war Samstag Abend und die Gaststaette war voll mit Maennern, die Karten spielten, rauchten und diskutierten. Als ich diese Bar betrat wurde ich auffaellig aber nicht unfreundlich gemustert, nach dem Ablegen meines Rucksacks bestellte ich mir an der Bar erst mal ein Cerveza (d.h. Bier) und ein mit Ruehrei gefuelltes Weissbrot. Nach dem sich der Regen gelegt hatte, begab ich mich auf den weiteren Weg und dieser fuehrte mich steil, sehr steil auf einem mittelalterlichen gepflasterten Pfad hinauf zum Zisterzienser-Kloster Cenaruzza, wo ich ueberaus freundlich begruesst wurde.
In der einfachen Herberge des Klosters traf ich auf Kai aus der Naehe von Koeln, der seinen Weg in San Sebastian begonnen hatte und der ueber enorme Probleme mit seinen Fuessen klagte. Er hatte trotz der Kaelte die letzte Nacht draussen geschlafen, weil er es einfach nicht mehr weitergeschafft hatte. Ausserdem gab es ein freudiges Wiedersehen mit Majo und Anna, Marco und Jose, das wir nach dem Abendgottesdienst in der Klosterkirche noch mit einem Glas Rotwein begossen. Ein Obdachloser, dem die Moenche ein Bett fuer die Nacht zur Verfuegung stellten und dem sie die Waesche wuschen, leistete uns Gesellschaft und beteiligte sich auf eine nicht unangenehme oder irgendwie aufdringliche Weise an unserem Gespraech. Eine aehnliche Erfahrung hatte ich ja auch schon im Kloster Leire gemacht - auch dort kuemmerten sich die Moenche um einen beduerftigen Mann - ich stellte mir vor, wie schwierig es fuer diese manchmal sein muss, sich einerseits in der Nachfolge Christi selbstlos um die Aermsten der Gesellschaft zu kuemmern, andererseits hierbei aber Grenzen ziehen zu muessen, um nicht der Gefahr zu erliegen, ausgenutzt zu werden.

20090510

13.Tag (Freitag 8.Mai) - von Zarautz nach Deba - 21 km

Ein absoluter Regentag. Unterwegs in Zumaya in einem Supermarkt treffe ich zufaellig Marco wieder, der mich mit einem lauten "Fantastico!" begruesst. Mit dabei ist ausserdem noch José aus Rio de Janeiro, so gehen wir den weiteren Weg zu dritt.

Kirche in Zumaya













Dieser Weg am heutigen Tag sollte kein leichter sein, denn bei diesen Wetterbedingungen und den zu ueberwindenden Steigungen entsprechen 21 tatsaechliche Kilometer mindestens 31 gefuehlten Kilometern. In Deba angekommen, besorgten wir uns im Fremdenverkehsamt den Schluessel fur die kleine einfache Herberge. Als wir gerade zum Abendessen aufbrechen wollen, kommen gerade Majo und Anna und wir freuen uns ueber das Wiedersehen.


Vor der Pilgerherberge in Deba

12.Tag (Donnerstag 7.Mai) - von San Sebastian nach Zarautz - 21 km

Nach einem sehr guten Fruestueck verliess ich bei Spruehregen die Jugendherberge und fand (zum Glueck) nicht auf Anhieb den ausgeschilderten Jakobsweg ueber die Berge, so dass ich bis zum naechsten Ort die weitaus weniger anstrengende Uferpomenade waehlte. Bei diesem Regen waere auf einen freien Blick von den Bergen auf die Kueste sowieso nicht zu denken gewesen. Obwohl ich nachher patschnass war - ich hatte mir kein Regenzeug angezogen, weil ich dem Spruehregen zuerst nicht diese "durchdringende" Bedeutung beigemessen hatte - war dieser Weg an der Kueste durch die starke Brandung und die Gischt, die ueber die Felsen spruehte und sich so mit den Regentropfen vermischte, sehr stimmungsvoll.

Nach einer Pause mit kleiner Staerkung folgte ich ab hier wieder dem gelben Pfeil als Wegweiser fuer den Jakobsweg. Der Weg war absolut gut markiert, so wie ich dies vom Aragonesischen Weg auch schon kannte.

Langsam lichtete sich der Himmel wieder und der Weg fuehrte mich auf der Anhoehe durch eine Wohn-Bebauung mit einer Ueberraschung: Jemand hatte doch tatsaechlich einen Tisch und Stuehle, Wasser extra fuer Pilger bereitgestellt. Als ich mir das ganze naeher ansah entdeckte ich auf dem Tisch einen Stempel fuer den Pilgerpass, ein Gaestebuch sowie eine Seite in mehrfacher Kopie, in dem auf Besonderheiten des Kuestenweges und auf Tips zu Herbergen und Wegen eingegangen wurde. Als ich mir alles naeher betrachtete, kam aus dem Haus gegenueber José Maria Soroa auf mich zu, ein Mann der den Kuestenweg, wie er mir erklaerte jetzt schon 10 mal gegangen ist und der mich ganz herzlich begruesste und mir einen "Buen Camino" wuenschte.


Der Pilgerstand von José Maria Soroa














Der weitere Weg fuehrte durch auf gut zu gehenden Pfaden, die meist parallel mit den Hoehenlinien oder mit sanftem An- und Abstieg verliefen. Hier ging es ueber Wiesen, mitten durch Pferde- und Schafkoppeln und durch abwechslungsreiche Waelder.

An einem Brunnen mit frischem Quellwasser, auffaellig wurde das Wasser in gelber Schrift (wahscheinlich von José Maria Soroa) mit "good!" und "drink here!" angepriesen, traf ich auf Marco, einen lustigen und netten Italiener aus Milano, fuer den alles "fantastico!" war.


Zwischen San Sebastian und Zarautz














Alles war in Nebel gehuellt, der die Landschaft mehr oder weniger verschleierte und verzauberte, von Zeit zu Zeit aber immer wieder ueberraschende Ausblicke auf diese herrliche Kuestenlandschaft zuliess.

Dem Tip von José Maria Soroa folgend, waehlte ich die Herberge "San Martin" in Orio fuer meine Uebernachtung, was ich wirklich nicht bereut habe. Mit Liebe und Engagement wird diese Herberge von Rosa gefuehrt, die selbst Pilgerin ist und mich zum Abschied voellig unerwartet ganz herzlich gedrueckt hat um mir einen Buen Camino zu wuenschen. Als weitere Gaeste waren da noch zwei Frauen aus Florida sowie "Majo" und "Anna" aus Mallorca.

11.Tag (Mittwoch 6.Mai) San Sebastian

Heute hatte ich mir einen freien Tag gegoennt, denn San Sebastian oder Donostia, wie die Stadt im Baskischen heisst, gilt als eine der schoensten Staedte Europas und so begann ich meinen ersten "Ausruhtag" mit einem wohltuenden Barfusslauf am traumhaft schoenen Strand von San Sebastian, besser gesagt die 3 km lange Concha-Bucht entlang, die sehr zentral gelegen das Bild dieser sympathischen Stadt massgeblich bestimmt.


Barfuss am Strand von San Sebastian













Concha bedeutet Muschel, denn die Bucht bildet tatsaechlich fast einen Halbkreis, der durch die beiden "Hausberge" der Stadt eingerahmt wird. Im Zentrum dieses Halbkreises liegt inmitten der Bucht die Insel Santa Clara. Trotz wie ich finde eiskaltem Wasser gab es tatsaechlich doch schon einige Leute, die den heutigen sonnigen Tag fuer ein Bad im Meer nutzten.

Anschliessend bestieg ich den oeslichen Berg Urgull, von der dort befindlichen Festung hat man einen fantastischen Ausblick auf die Stadt.


Blick auf San Sebastian vom Berg Urgull














Nach einem Altstadt-Bummel, bei dem ich auch die beruehmten Tapas (hier "pintxo" genannt) von San Sebastian probiert habe, kehrte ich weit nach Sonnenuntergang wieder zurueck in die Jugendherberge.

20090505

10. Tag (Dienstag 5.Mai) - von Leitza nach San Sebastian - 27 km zu Fuss

Nach einem guten Fruehstueck, das ich in der Gaststaette bekam, machte ich mich los zum zweiten Teil meines Weges auf der "Via Verde del Plazaola". Das Wetter war heute etwas besser als gestern, das heisst es blieb zumindestens trocken, was fuer das dortige humide Klima durchaus nicht selbstverstaendlich ist. Ab jetzt fiel der Weg sanft bergab und es war somit ein sehr schoenes und entspanntes Gehen. Die Taeler, durch die sich die ehemalige Bahnlinie schlaengelte waren durch keine Strassen erschlossen, die Ruhe war einfach traumhaft schoen. Das Gelaende ist so unwegsam, dass der seinerzeitige Bau der Eisenbahnlinie nur mit Hilfe der zahlreichen Tunnel moeglich wurde. Hierbei wurde ein Hoehenunterschied von 1043 m ueberwunden. Das Projekt der Umwidmung zum grenzueberschreitenden multifunktionellen Freizeitweg wurde seit dem Jahr 2000 mit Mitteln der EU sowie der spanischen Provinzen Aragon und Baskenland finanziert.

Die Idylle meines Weges wurde nur an einer Stelle durch einen Steinbruch mit einer kleinen abenteuerlichen und baufaelligen Halle gestoert, aus deren Schornstein Rauch aufstieg und in der mit lautem Getoese Stein gebrochen wurden. Entlang der naechsten 2 km war am Wegrand Abfall aus dieser Produktion abgestellt worden, inzwischen von Unkraut ueberwucherte Paletten mit Bruchstuecken von Steinplatten, die anderweitig wohl nicht zu verkaufen waren.

Das Tal wurde langsam breiter und flacher, aus den Baechen wurde ein Fluss, es ging vorbei an Stauseen und Fischzuchtanlagen. Die Wegraender und Boeschungsbereiche wurden von riesigen Farnen gesaeumt, immer wieder unterbrochen von zahlreichen kurzen Tunnels.

Bald lag Andoain vor mir. Von dort hatte ich vor, mit dem Zug oder Bus nach San Sebastian zu fahren. Zwei Frauen erklaerten mir den Weg zur ganz in der Naehe befindlichen Haltestelle.


An der Bahnhaltestelle in Andoain















Als ich in San Sebastian ausstieg schien mir, ich waere ich in einer neuen Welt gelandet: Eine angenehme Brise Meeresluft, dabei den schoensten Sonnenschein, den man sich nur vorstellen kann. Als ich vom Hauptbahnhof durch die Stadt am Strand entlang zur Jugendherberge ging, war ich so beeindruckt von den Schoenheiten dieser Stadt, dass ich stehenbleiben musste um ein Foto zu machen.


Am Strand von San Sebastian














Kurz vor der Jugenherberge fielen mir wieder die ersten gelben Pfeile (Wegweiser des Jakobsweges) ins Auge. Jetzt bin ich also endgueltig am Kuestenweg (Camino de la Costa) angekommen. Und weil ich mir so dachte, nach der bisher geleisteten Strecke eine kleine Pause verdient zu haben, habe ich in der Jugendherberge dann auch gleich zwei Naechte gebucht. Das Abendessen (ein obligatorisches 2-Gaenge-Menue mit einer Flasche Rotwein incl. Nachtisch) habe ich sehr preisguenstig fuer 9,- € in einem nahegelegenen Pensionistenheim einnehmen koennen, wo es sehr lustig und fuer deutsche Verhaeltnisse vor allem auch sehr lautstark zuging.

9. Tag (Montag 4.Mai) - von Pamplona nach Leitza - 15 km zu Fuss

Da mein Weg in Pamplona den Camino Frances, den Hauptweg der Santiago-Pilger kreuzte, traf ich in der Casa Paderborn natuerlich auf Pilger, die wohl fast ausnahmslos auf dem Camino Frances nach Santiago pilgerten. Als ich hier einem Italiener, mit dem ich das Zimmer teilte, auf die uebliche Frage "woher" und "wohin" meine spezielle Strecke erlaeuterte, erklaerte mich dieser kurzerhand fuer verrueckt.

Das Fruehstueck in der Casa Paderborn war (wie nicht anders zu erwarten) perfekt, es gab endlich mal wieder richtig deutschen Kaffee, was nicht heissen soll, dass der Spanische Café nicht ebenso gut ist, denn dieser schmeckt sogar ausgezeichnet (mir besonders der "Cafè con leche" - also mit Milch). Um halb Acht mussten alle Pliger die Herberge verlassen haben. Da das Kaufhaus, in dem ich mir neue Stoecke besorgen wollte erst um 10 Uhr oeffnete, schlenderte ich nach Verlassen der Herberge durch die engen und malerischen Gassen von Pamplona.


In der Altstadt von Pamplona















Da allerdings auch das Museum von Navarra erst um 10 Uhr oeffnete musste es bei einer aeusserlichen Betrachtung des Gebaeudes bleiben, worueber ich eigentlich auch nicht ungluecklich war.

Leider gab es im Kaufhaus keine gefederten Stoecke, wie ich diese vorher hatte, aber ich bin froh, ueberhaupt welche bekommen zu haben. Zukuenftig muss ich besser aufpassen, dass mir nichts abhanden kommt.

Gegen 11 Uhr begab ich mich zum Busbahnhof, der in Pamplona ganz neu und unterirdisch angelegt worden ist. Ich hatte Glueck, denn gleich in einer Viertelstunde fuhr der Bus nach Mugiro. Nach einer halben Stunde Fahrzeit war das Ziel erreicht und beim Aussteigen aus dem Bus tat sich eine voellig neue Welt auf. Inmitten von Nebelschwaden und beginnendem leichten Regen stand ich in einer Landschaft, wie sie im Voralpenland nicht anders aussehen koennte.

Die Strecke die jetzt fuer mich begann, nennt sich "Via Verde del Plazoaola" (der gruene Weg von Plazaola) und hat mit dem Jakobsweg an sich gar nichts zu tun. Ich suchte bei der Planung der Wegstrecke zuhause einfach einen Uebergang vom "Aragonischen Weg" (Camino Aragonés) zum "Kuestenweg" (Camino de la Costa), weil mir auf dem Hauptweg (Camino Frances) zu viele Leute unterwegs sind und ich keine Lust hatte, mich dort am Wettrennen um Herbergsbetten zu beteiligen. Ausserdem soll der Kuestenweg landschaftlich wesentlich reizvoller, wenn auch wesentlich anstrengender sein, da es staendig auf und ab geht.


Auf der Via Verde del Plazaola














In voelliger Ruhe und fast alleine fuehrte mich der Weg auf einer stillgelegten Eisenbahnstrecke entlang, die einst Pamplona mit San Sebastian verband durch eine Landschaft, die Assoziationen an die kleinen Taeler meiner Heimat weckten. Beim Gedanken an den hier einst fahrende Dampfzug musste ich an "Jim Knopf und die Wilde 13" denken. Die Landschaft wird durch Almen, auf denen zahlreiche Schafherden grasen - auf die man spaetestens durch deren Glockengebimmel aufmerksam wird - und durch naturbelassene Waelder bestimmt. Begleitet wird der Weg immer wieder durch das Rauschen von Baechen und durch mehr oder weniger imposante Wasserfaelle.

Eine besondere Abwechslung auf diesem Weg bieten die zahlrreichen Tunnels, die durchwandert werden (insgesamt 41!), von denen der laengste 5 km lang ist (dieser darf jedoch nur auf eigene Gefahr betreten werden). Das war schon ein eigentuemliches Gefuehl, 5 km in einem Tunnel zu Fuss zurueckzulegen. Ohne die Stirnlampe, die mir Johanna geschenkt hatte, haette ich diesen Weg nicht gehen koennen. Besonders merkwuerdig war der Moment, als ich mitten im Tunnel war und von beiden Seiten keinen Lichtstrahl mehr sehen konnte. Von oben und von den Seiten tropfte immer wieder Wasser, zum Teil handelte es sich dabei um richtige Wasserfaelle. Ich begann darueber nachzudenken, wie gut sich diese Erfahrungen des Dunkels und des wiederkehrenden Lichts sinnbildlich in einen Jakobsweg einfuegen. Natuerlich war ich erleichtert, als ich diesen langen und "verbotenen" Tunnel wieder verlassen hatte.


Ankunft in Leitza















Nach ca. 15 km erreichte ich das Dorf Leitza, einen Ort mit ca. 2800 Einwohnern. Im Gegensatz zu den bisherigen Erfahrungen in Spanien wurde ich hier als Wanderer von den Einwohnern misstrauisch beaeugt und wenn ich jemanden nach dem Weg fragte, beschraenkte sich die Antwort wirklich nur auf das Allernotwendigste. Eine Frau zeigte mir schliesslich den Weg zur Gaststaette (mit Hotel) des Ortes. Die Gaststaette, es war ca. 17 Uhr, war voll, ausschliesslich urige Maenner, zum Teil mit gezwirbelten Baerten. Der Sohn des Wirts sprach englisch und so konnte ich mich verstaendlich machen. Er klaerte mich auch darueber auf, dass in Leitza nicht mehr Kastellanisch sondern Baskisch gesprochen wird. Baskisch ist mit den drei anderen spanischen Sprachen weder verwandt, noch gibt es irgendwelche Aehnlichkeiten. Es ist die aelteste Sprache Europas, wahrscheinlich der letzte Rest der Sprachen, die vor Jahrtausenden die ersten Europaeer gesprochen haben.

20090504

8.Tag (Sonntag 3.Mai) - von Monreal bis Pamplona - 12 km zu Fuss

Nach der gestrigen Ankunft in Monreal hatte ich dort noch einen Baecker mit einem kleinen Lebensmittelgeschaeft ausfindig gemacht, der auch Fruehstueck anbot, daher konnte ich diesen nach dem Zusammenpacken gleich zielgerichtet aufsuchen, um mir zwei Tassen Kaffee mit Milch sowie frisches Weissbrot mit Marmelade zu goennen. In der Herberge gab es naemlich nichts, auch liess sich dort niemand blicken, um das Geld fuer die Unterkunft (in der Regel 10 €) zu kassieren.

Der Opa der Familie, der den Baeckerladen an diesem Morgen alleine betreute, verkauft eigentlich normalerweise kein Fruehstueck, er machte extra fuer mich ein riesiges Glas Marmelade auf, aus dem ich mich bedienen konnte, und erkundigte sich sehr interessiert, wo ich denn herkaeme und wie mein weiterer Weg sei. Mit meinen spaerlichen Spanisch-Kenntnissen sagte ich ihm, dass ich weiter ueber Pamplona nach San Sebastian wolle, um dann den Kuestenweg zu gehen. Welch Glueck, denn er empfahl mir einen wesentlich kuerzeren Weg, der auf einer inzwischen "aus dem Verkehr gezogenen" Strasse direkt nach Noain, einem Vorort von Pamplona, fuehrte. Von hier hatte ich sowieso vor, einen Bus nach Pamplona zu nehmen. Der Weg war zwar nicht sonderlich schoen, aber dafuer sehr ruhig und gleichmaessig zu gehen. Ab und zu kamen mir Rennradfahrer entgegen, denn diese stillgelegte Strasse bot sich hierfuer natuerlich sehr an.

Vor Noain wurde das Strassengewirr immer groesser und ich fragte mich schon, wie ich da wohl durchkommen solle und welcher Weg wohl der richtige sei. Gerade wollte ich meine Kamera aus der Tasche holen, um diese Situation festzuhalten, da hielt ein Auto mit zwei Maennern an, die in Sachen Strassenbau unterwegs waren, jedenfalls schloss ich dies aus den im Auto liegenden rot-weiss gestreiften leuchtfarbigen Westen. Sie wollten natuerlich gleich wissen "woher" und "wohin". Nachdem ich ihnen sagte, ich wolle zum Bus nach Pamplona, boten sie sofort an, mich bis zur Bushaltestelle mitzunehmen.

Beim Aussteigen passierte mir dann ein dummes Missgeschick, denn ich liess meine Trekking-Stoecke, die mir sehr wichtig geworden waren, im Auto der beiden liegen. Erst als ich im Bus nach Pamplona sass, bemerkte ich den Verlust. Da war wohl nichts mehr zu machen. Also beschloss ich, mir in Pamplona ein paar neue Stoecke zu besorgen.


Zentraler Platz in Pamplona















Pamplona ist eine wunderschoene Stadt. Der zentrale Platz, ueber den ich lief, strahlte eine angenehme und entspannte Atmosphaere aus, die Architektur wirkte stattlich und dabei lebensfroh und verspielt. Ich stellte mir vor, wie dort alljaehrlich die Stiere durch die Strassen getrieben werden und die Strassenraender von Menschenmassen gesaeumt werden. Bei der Suche nach einer Herberge kam ich auch an der beruehmten Stierkampfarena vorbei. Schliesslich suchte ich die Casa Paderborn auf, eine Pilgerherberge unter deutscher Leitung, welche die Stadt Pamplona der Stadt Paderborn im Jahr 2000 zur Betreuung der Pilger im Rahmen einer Staedtepartnerschaft ueberlassen hat. Ich hatte Glueck, denn es war gerade noch ein Bett frei.

Diese Herberge wird mit deutscher Gruendlichkeit gefuehrt, denn alle ankommenden Gaeste werden zuerst erfasst, dann wird ein Bettenbelegungsplan erstellt und erst dann werden die wartenden Pilger nach und nach aufgerufen, um sie genauestens einzuweisen. Es war wirklich alles hundertprozentig perfekt und ausserst sauber. Die Herbergsmutter hat auch das Waeschewaschen erledigt, eine Maschine incl. Trocknen fuer 6 €.

Was mein Bett anbetraf, hatte ich wohl das grosse Los gezogen, denn direkt unter meinem (Doppelstock-)Bett schien sich in der Nacht ein gigantisches Saegewerk zu befinden. Gegen die hier erzeugten Dezibel waren sogar die bestsitzenden Ohropax machtlos ...

20090503

7.Tag (Samstag 2.Mai) - vom Kloster Leire nach Monreal - 38 km

Ein anstrengender Weg, hauptsaechlich ueber geschotterte Pisten und entlang stark frequentierter Strassen.


Schotterpisten in der Provinz Navarra















Nach 28 km sollte ich mein Ziel Izco erreichen. Leider hatte die dortige Herberge geschlossen. So wurde aus Tages-Tour eine Mammut-Tour von 38 km, bis ich schliesslich in der Herberge von Monreal mit einer neuen Blase an der Ferse, mit Rueckenschmerzen vom Rucksack, und auch sonst ziemlich erledigt ankam. Die Schoenheiten der Strecke zwischen Izco und Monrael konnte ich in dieser Verfassung leider nicht mehr richtig geniessen, denn der Weg folgte in weiten Teilen einem lieblich maeandrierenden Bach.

Die Freude war allerdings gross, in der Herberge von Monreal wieder Frederic zu treffen, den Franzosen, der seinen Jakobsweg schon in Toulouse begonnen hatte. Am Abend haben wir noch gemeinsam gekocht und eine Flasche Wein aufgemacht, dann fiel ich wie tot in Bett und schlief sofort ein. Ein wenig stolz war ich aber trotzdem, die 38 km geschafft zu haben ...

20090501

4.-6.Tag (Mittwoch 29.April bis Freitag 1. Mai)- von Santa Cilia de Jaca über Artieda und Undues de Lerda zum Kloster Leire - 71 km





4.Tag - von Santa Cilia de Jaca nach Artieda - 28 km

Der Weg bis Artieda führte mich durch eine bizarre Landschaft mit anmutigenden Bergen aus Schiefer, die mich mit einem Foto- Motiv nach dem nächsten beschenkten. In der Herberge von Artieda traf ich wieder auf einige bekannte Gesichter, die Münchnerinnen Hannelore und Burgel, Luciano und Antonio aus Italien und Spanien, Bartholomäus, einem Rentner aus Olpe, sowie neu Hildegart und Martin aus Günzburg. Hier waren die esten Blasen mit Blasenpflaster zu versorgen. Am Abend gab es ein tolles Abendessen, das wie in Spanien ueblich, aus zwei Gaengen bestand und das die Herbergseltern fuer uns zubereiteten. Wir sassen alle an einem langen, schoen eingedeckten Tisch zusammen und bei einem Glas Rotwein wurde es noch ein schoener aber tritzdem kurzer Abend, denn alle waren ziemlich erschoepft (Bartolomaeus blieb lieber seinem Bier, das wie er immer wieder betonte, jedoch sehr kalt sein musste). Ueberhaupt betonte Bartholomaeus seine Standpunkte grundsaetzlich mit Nachdruck, wobei er die letzten Worte seiner Saetze meist auch noch zu wiederholen pflegte, um dem ganzen nicht nur doppelten, sondern dreifachen Nachdruck zu verleihen.


5.Tag - von Artieda nach Undues de Lerda - 22 km

Der Weg ging zunaechst durch eine abwechslungsreiche Landschaft inmitten von Feldern und hier innerhalb von Gehoelzstreifen, die manchmal groesser und lichtdurchflutet, manchmal auch dunkel und eng waren, meist fuehrte der Weg aber lieblich und geschwungen inmitten einer Buchsbaumhecke entlang. Diese Strecke fuehrte zu dem Dorf Ruesta, einem verlassenen Dorf, in dem es neben Ruinen auch einen Stuetzpunkt fuer Pilger mit Herberge gibt. Hier legte ich meine Mittagspause ein und waehrend ich mein Schinkenbrot ass, dass ich mir von der Herberge in Artieda mitgeben liess, bekam ich nette Gesellschaft - Hannelore und Burgel waren auch gerade angekommen und so konnten wir die Pause gemeinsam verbringen.
Ruesta - das verlassene Dorf


Der zweite Teil des Weges sollte es in sich haben, auf relativ monotonen geschotterten Forstwegen ging es stetig bergauf. Nur ab und zu wurde der Blick auf den rechtsseitigen Stausee freigegeben. Auf diese Weise waren ca. 600 Hoehenmeter zu ueberwinden. Endlich oben angekommen, tat sich als Entschaedigung ein grossartiges Panorama mit Blick auf Undues de Lerda auf.

Nachdem mich die junge Herbergsmutter in einen der Schlafraeume der dortigen Jugendherberge fuehrte, wurde ich dort von Bartholomaeus ausgesprochen ueberschwaenglich, sozusagen mit Nachdruck begruesst, allerdings mit dem gleichzeitigen Hinweis, dass ich doch in einem anderen Raum schlafen muesse, denn ich wuerde schnarchen. Die Herbergsmutter gestikulierte, er solle doch Ohropax nehmen, ausserdem sei der andere Raum nicht sauber, aber Bartholomaeus bestand darauf, dass ich einem anderen Raum schlafe, so verbrachte ich dann die Nacht in einem Zimmer mit Hannelore und Burgel, die bald nach mir eintrafen, und wir hoerten uns gegenseitig einige Schnarchkompositionen an. Am naechsten Tag, betonten beide Frauen auffallend deutlich, wie hervorragend sie doch geschlafen haetten, denn auch ihnen war die Geschichte mit Bartholomaeus natuerlich nicht entgangen.


6.Tag - von Undues de Lerda zum Kloster Leire - 21 km

Den Weg zum Kloster Leire ging ich zunaechst (bis zum Abzweig nach Sanguesa) auf dem herkoemmlichen Jakobsweg gemeinsam mit Hannelore und Burgel, dann verliess ich den Jakobsweg und ging auf einer nicht mehr ganz neuen Strasse Richtung Burg Javier - den Weg hatte ich mit von der Herbergsmutter in Undues de Lerda aufzeichnen lassen. Das Ueberraschende war, dass diese Strasse direkt an der Grenze zwischen den Provinzen Zaragoza und Navarra in einen unscheinbaren Feldweg ueberging. Ab Javier verlief mein Weg weiter auf asphaltierter Strasse hoch in die Berge zum Kloster, ueber das ich Einiges gelesen hatte und das ich deshalb in meinen Jakobsweg einbeziehen wollte.

Pforte des Klosters Leire
Da stand ich nun vor der verschlossenen Klosterpforte und klingelte zaghaft, worauf sich eine freundliche Stimme meldete. Das Pech war nur, dass ich so gut wie kein Wort verstand und so aehnlich muss es wohl dem Moench an der anderen Seite der Sprechanlage gegangen sein. Ich stammelte nur etwas von "usted la casa?" und wollte eigentlich "cama" sagen, was Bett heisst, casa hingegen bedeutet Haus. Ich fragte also "Haben Sie ein Haus fuer mich?", worauf der Hoerer auf der anderen Seite der Sprechanlage sofort in die Gabel fiel. Was nun??? Da war
ich jetzt also, ging mehrmals um das Kloster und weigerte mich innerlich, das zwei-Sterne-Hotel drei Tueren weiter, das sich auch im Gebaeudekomplex befand, aufzusuchen. Weitere mehr oder weniger zaghafte Klingelversuche von mir blieben ohne Reaktion. Also wartete ich weiter vor der Tuer und nach ca. einer halben Stunde ging diese tatsaechlich auf, denn zwei Wuerdentraeger hatten das Kloster zu verlassen. Die Gunst der Sekunde nutzend sprach ich den einen von beiden an, diesmal richtig mit "usted la cama?". Darauf seine freundliche Reaktion " Aahh, Peregrino!" und er hiess mich in einer dunklen Eingangshalle auf einem Hocker Platz zu nehmen, man wuerde mich dort abholen.

Diese Huerde hatte ich also geschafft. Nach einer Viertel Stunde machte ein Moench die vorher verschlossene Eingangstuere ganz auf und baute in der Eingangshalle einen Verkaufsstand mit Erzeugnissen sowie Ansichtskarten des Klosters auf. Um die Wartezeit zu verkuerzen, stand ich auf, um mir die Ansichtskarten ansehen und versuchte mit ihm ins Gespraech zu kommen. Das war ein Fehler, denn wirsch bedeutete er mir, wieder auf meinem Hocker Platz zu nehmen, bis ich gerufen werde. Aber er schien ohnehin nicht gerade der gutgelaunteste Moench zu sein, denn auch zu den Kunden, die er anschliessend bediente, war er nicht gerade der Freundlichste.

Dann kamen Schritte auf mich zu und ich wurde von Pater Franziskus ueberaus freundlich auf Englisch begruesst. Er wollte wissen, wie ich auf das Kloster aufmerksam geworden sei, denn sie wuerden keine Besucher mehr aufnehmen und haetten dies auch in den umliegenden Pilgerherbergen bekanntgegeben. Aber er wuerde eine Ausnahme machen und haette gerade noch ein Bett frei.

An der Wand des sehr kleinen Zimmers - dieses ist neben einem kleinen Tisch und drei Hockern mit einem Doppelstock-Bett ausgestattet - hängt der Tagesplan für Pilger: 19 Uhr Vesper-Gottesdienst, 20 Uhr Abendessen, 21 Uhr Nachtgebet, 7 Uhr Weckruf, 7:30 Morgengebet, 8 Uhr Frühstück.



Pater Franziskus holte mich kurz vor 19 Uhr ab. Danach hatte ich freie Zeit bis zum Abendessen (dieses wird, wie Pater F. betont, schnell eingenommen). Morgen nach dem Frühstück führt mich mein Weg dann weiter durch die nur durch einen stillgelegten Tunnel zugängliche Lumbier- Schlucht, die ein besonderes Erlebnis sein soll.


Nach einer bewegenden Vesperandacht und dem gemeinsamen Abendessen mit den Moenchen zeigte mir Pater Franziskus das Kloster mit seinen fantastischen Kunstschaetzen und die Bibliothek mit wertvollen alten Schriften. Auch der Abendgesang und die morgendliche Andacht waren sehr erhebend. Nach dem gemeinsamen Fruehstueck am naechsten Tag verabschiedete mich Pater Franziskus vor der Pforte, gab mir den Segen fuer meinen weiteren Weg.

20090428

3.Tag (Dienstag 28.April)- von Jaca nach Santa Cilia de Jaca - 16 km

Heute morgen war ich doch tatsaechlich der Letzte der die Herberge verlassen hat. Dafuer habe ich natuerlich eine Entschuldigung: Trotz Ohropax hat mich das allgemeine Schnarchkonzert wirklich um den wohlverdienten Schlaf gebracht, denn diese Dinger muessen mir nachts irgendwie aus den Ohren rausgefallen sein. Ziemlich gewoehungsbeduerftig das Ganze. Zwei nette Frauen mittleren Alters (unsere Kinder wuerde sagen "alt"), die deutsch sprachen, konnte ich gerade noch fragen, ob sie denn auch den Abstecher zum Kloster "San Juan de la Pena" machen wollen. "Ja" war die Antwort, aber sie wuerden ein Taxi nehmen, denn der Weg werde ihnen sonst zu weit. Das kam mir sehr entgegen und ich aeusserte, dass ich mich da gerne anschliessen wuerde. So verabredeten wir uns zum Fruehstueck in einer nahegelegenen Bar.


Als ich dann als letzter die Herberge verlassen wollte, befiel mich dann noch eine leichte Panik, denn die Haupteingangstuer war verschlossen und obwohl ich mehrmals klingelte ruehrte sich keine Menschenseele. Ich malte mir schon aus, wie ich durch ein Fenster auf den Innenhof gelangen koennte, um von dort ueber eine Balustrade dann schliesslich auf die Strasse zu klettern; denn alle Fenster, die direkt zur Strasse fuehrten waren vergittert. Ich war auf einmal eingesperrt und in der Bar warteten die beiden mit dem Taxi. Na Toll!


Darauf ging ich noch mal zum vergitterten Eingangstor und sprach einen voruebergehenden aelteren Spanier "mit Haenden und Fuessen" auf meine missliche Lage an und siehe da, ich entdeckte gerade in diesem Moment eine ziemlich versteckt angebrachte Klinke, die sich sogar oeffnen liess. So kam ich dann doch noch rechtzeitig in die Bar. Als ich diese Geschichte dort gleich den beiden Muenchnerinnen zum Besten gab um mein spaetes Kommen zu entschuldigen haben diese nur gelacht, denn es erging ihnen mit dieser Tuer ganz aehnlich.

Mit dem Taxi hat alles gut geklappt und mit 10 € pro Person war es zudem auch recht erschwinglich. So war die Strecke fuer mich gut machbar (32 km waeren mir bei diesen Hoehenunterschieden fuer den dritten Tag auf dem Camino doch entschieden zu viel gewesen) und ich hatte das grosse Glueck, auf diese Weise doch noch das Kloster San Juan de la Pena zu sehen. Dieses liegt in den Bergen angeschmiegt unter einem Felsvorsprung und stammt aus dem 11. bis 14. Jahrhundert. Eremiten haben diesen Ort schon im fruehen Mittelalter bewohnt. Das Kloster wurde zu einem der wichtigsten Kloester Spaniens. Ein Besuch lohnt sich unbedingt!

Der Weg zu Fuss ins Tal war wildromantisch und abenteuerlich, zum Teil so schmal, dass ich nur einen Fuss hinter den anderen setzen konnte, zum Teil war der Weg durch umgestuerzte Baeume versperrt. Diese Baeume brachten mich wohl darauf, ueber die schon oft zitierten Bilder nachzudenken, die einem der Jakobsweg gleichsam als Sinnbilder fuer den Lebensweg aufzeigen kann: Das Bild des Verwurzeltseins, der Symbiose, des neuen Lebens, aber auch das Bild eines Baumes, der umgestuerzt als vermeintliches Hindernis einen geplanten Weg versperren kann.

Der weitere Weg bot herrliche Aussichten auf eine liebliche Landschaft und grandiose Panoramen ...